Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

17. August 2014

Zum Tode von Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour, der große Schriftsteller, Journalist und letzte Chronist unseres Zeitalters, verstarb gestern im Alter von 90 Jahren.

In einem Nachruf für die Tageszeitung die Welt schrieb ich gestern.

“Scholl-Latour unterschied sich vorteilhaft von jenen Kollegen, die ihr fest gefügtes Weltbild nicht durch eigene Recherche vor Ort durcheinanderbringen lassen, dafür aber von Fehlprognose zu Fehlprognose taumeln. Im privaten Gespräch beklagte er häufig die betrübliche Provinzialisierung, die sich durch Globalisierung und Internet in der Medienwelt etabliert hatte.

Gesinnungsjournalismus verachtete er

In unserem digitalen Zeitalter, in der alle alles zu wissen und zu durchschauen glauben, wirkten Scholl-Latours Mahnungen und Warnungen, seine monumentale Gelehrsamkeit, basierend auf jahrzehntelanger Erfahrung und eigener Anschauung vor Ort, nicht immer zeitgemäß.

Seine größten Kritiker verstummten aber meist, wenn er rückblickend fast immer Recht behielt. Für den heute weit verbreiteten Gesinnungsjournalismus hatte er nur Verachtung übrig, ebenso für den von vielen prominenten Zeitgenossen praktizierten Exhibitionismus.

Peter Scholl-Latour war ein Kosmopolit. Er berichtete aus Algerien, dem Kongo, vor allem immer wieder aus Vietnam, später aus dem Iran, China, sowie den zentralasiatischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Im hohen Alter war er immer noch auf Reisen, hielt es nie lange an einem Ort aus.

Vietnam lag ihm besonders am Herzen

Er wechselte von Wohnort zu Wohnort, von Paris nach Berlin, über Bad Godesberg ins südfranzösische Tourettes-sur-Loup, schrieb Bestseller, hielt Vorträge, besuchte die Brennpunkte der Welt, jene Orte und Lebensstationen, von denen er schon seit über einem halben Jahrhundert berichtete.

Er liebte die ganze Welt, besonders aber das Vietnam am Ende der französischen Kolonialherrschaft und den Libanon der 1950er Jahre. Dort lernte er die arabische Sprache und Mentalität, begegnete den Mysterien des Orients. Die Erfahrungen schützten ihn im Laufe seines weiteren Berufslebens vor Illusionen, falschen Vorstellungen und westlichen Projektionen, die so vielen seiner Kollegen unterliefen und unterlaufen.

Über einen Vorgänger von Peter Scholl-Latour, den 1944 verstorbenen Schriftsteller Alfons Paquet, wurde mal gesagt, er sei ein “Mensch des Westens, doch dem Osten verbrüdert, Sohn der Stadt, doch Bürger der Welt, Reporter des Tages, doch Prophet der Ewigkeit, Aristokrat des Wortes, doch Demokrat der Überzeugung.”

DER VERMESSER DER WELT-MEIN NACHRUF AUF PETER-SCHOLL-LATOUR
http://www.welt.de/kultur/medien/article131293312/Der-Vermesser-der-Welt.html

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