Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

21. September 2013

Betrachtungen eines Wählers

@Ramon Schack

Betrachtungen eines Wählers
Am 18. Juni 1989 feierte ich meinen 18. Geburtstag.
Am gleichen Tag fanden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt, was dazu führte, dass ich an diesem Tag auch zum ersten Mal meine Stimme abgeben durfte.
Eine Lokalzeitung machte ein Foto von mir, wie ich meinen Umschlag in die Wahlurne steckte, schrieb einen kleinen Artikel dazu” Am 18. wurde er 18, und wählte zum ersten Mal” ,was dazu führte, dass ich einige Wochen später von dem damaligen Ministerpräsidenten meines Bundeslandes , bei dem Ministerpräsidenten handelte es sich um Björn Engholm, bei dem Bundesland um Schleswig-Holstein, in den Landtag nach Kiel eingeladen wurde.
Seit diesem Tag, im Schicksalsjahr 1989, wenige Monate bevor die Nachkriegsordnung in Europa zusammenbrach, die Mauer in Berlin einstürzte, der Kalte Krieg vorläufig zu Ende ging, habe ich mich an jeder Kommunal, Landtags- Bundes- und Europawahl beteiligt,17 an der Zahl, zu der ich als Bürger aufgerufen wurde.
Die Beweggründe dafür basierten und basieren auf einer Mischung aus  politischem Interesse, demokratischer Pflichterfüllung und dem Bewusstsein zumindest die kleine Möglichkeit zu nutzen, die mir das parlamentarische System gewährt, meiner politischen Willensbildung zum Ausdruck zu verhelfen.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist die Wahlbeteiligung fast kontinuierlich gesunken.
Betrachte man früher das Nichtwählen als Privileg bildungsferner Schichten, wechselweise als Ausdruck von Indifferenz, Apathie, Protest, so scheint es inzwischen unter einigen Angehörigen der Intelligenzia en Vogue zu sein, Wahlabstinenz zu propagieren.
Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts propagiert Nichtwählen als Bürgerpflicht.
Der Philosoph Peter Sloterdijk will vergessen, wann Wahlsonntag ist.
Wenn Wahlen nicht leuchten, verweigere er sein Kreuz, so der Kolumnist Georg Diez.
Was immer man davon halten mag, persönlich halte ich das Nichtwählen nicht für problematisch, höchstens für bequem, so ist diese Entwicklung doch Ausdruck einer Krise, deren Kommen sich in zwar noch diffusen , aber unüberhörbaren Klopfzeichen ankündigt, deren Unbehagen an dem politischen System sich nicht nur im Rückgang der Wahlbeteiligung, im Prestigeverlust der Parlamente und vor allem in den teilweise erdrutschartigen Einbrüchen der großen erfolgsverwöhnten Parteien demonstriert, die man einst als Volksparteien bezeichnete.
Gleichzeitig  entstehen an den Rändern, wie auch in der Mitte des politischen Spektrums, politische Bewegungen von unscharfer , bisweilen radikaler Kontur, die häufig monothematisch agieren und von dem Affekt gegen die hergebrachten Parteien leben.
Dieses Unbehagen haben die Parteien, die nicht selten von einer fatalen personellen Auszehrung betroffen sind, teilweise selbst geschaffen.

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FOTO:RAMON SCHACK

Darüber hinaus geht in breiten Bevölkerungsschichten das historische Bewusstsein verloren, was es mit freiheitlichen Zuständen auf sich hat, auf welchen Voraussetzungen sie beruhen und was ihre Bewahrung verlangt.
Das alles wäre wahrscheinlich weniger beunruhigend, wenn es Alternativen gäbe, die auch diesen Namen verdienen.
So lange das nicht der Fall ist, werde ich weiterhin wählen gehen.
Bisher habe ich bei allen Urnengängen vier verschiedene Parteien gewählt, wobei ich zwei Parteien bevorzugte, den beiden anderen jeweils nur einmal meine Stimme gab.
Dieses Mal, bei der bevorstehend Bundestagswahl, habe ich mich für eine Partei entschieden, die- als ich zum ersten Mal meine Stimme abgab -noch gar nicht existierte und von der ich noch vor kurzen geglaubt hätte, dass ich sie niemals wählen würde.
Ich bin mir dabei nicht ganz sicher, ob sich die meine politische Meinung so stark geändert hat, oder die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen  oder gar die erwähnte Partei.
Das ist auch unerheblich.
Viel wichtiger ist es, dass ich mir gegenüber begründen kann, warum ich  wählen gehe.
Ich habe eine Begründung gefunden, die neulich ein Teilnehmer während einer Diskussion zu diesem Thema äußerte.
Er sagte”Ich gehe nur noch wählen, aus Respekt vor den vielen Menschen, die dafür gekämpft haben, dass ich wählen darf.”
Wenn das kein gutes Argument ist!