Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

17. März 2013

7 Tage ohne Facebook

-7 Tage ohne Facebook-
@Ramon Schack

Der 15. August 2008 war eigentlich ein recht ereignisloser Tag. An diesem Freitag lag die Lufttemperatur in Berlin bei ca.17 Grad, ein Hauch von Herbst war schon zu spüren. Drei Tage zuvor endete der Krieg im Kaukasus, zwischen Russland und Georgien. Abends, als ein leichter Regen einsetzte, gab Eric Clapton in der Waldbühne ein Konzert. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob es aus eigenem Antrieb geschah, oder ob ich einer Einladung folgte, aber an diesem Tag trat ich Facebook bei. Anfangs stand ich dem Phänomen äußerst reserviert gegenüber, war irritiert über die Statusmeldungen, die mich darüber informierten, dass A jetzt mit B befreundet ist, dass C der Status von D gefällt.

Heute nutze ich Facebook täglich.

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich ca. 1900  Facebook – Freunde, mit leicht schwankender Tendenz, von denen  ich – grob geschätzt – vielleicht 5 % persönlich kenne, oder einmal persönlich begegnet bin. Als Journalist nutze ich Facebook vorwiegend als berufliche Plattform, obwohl mich eine Kollegin vom Rundfunk, kurz vor unserem gemeinsamen Abflug zu einer Pressereise in den Kosovo, mit folgenden Worten ansprach
“Du bist also der Ramon Schack, der sein ganzes Privatleben auf Facebook veröffentlicht!“

Die Nutzung von Facebook kann so banal sein, wie der Treppenhaus-Tratsch zwei alter Damen. Sie kann aber auch Wellen schlagen, Skandale auslösen, politische Prozesse beeinflussen, die ihren Widerhall in den Medien finden.

Ein Fallbeispiel:
Im Frühjahr 2010 erhielt ich auf Facebook die folgende Nachricht einer 16 jährigen Schülerin aus NRW, die aus irgendwelchen, mir heute nicht mehr erkenntlichen Gründen, auf meiner dortigen Freundes-Liste gelandet war.

“Hallo Ramon,
da du der einzige Journalist bist den ich zumindest virtuell “kenne”, frage ich dich unverblümt. Bist du an einer Story interessiert, die einen hochrangigen Politiker in Verbindung mit einer Minderjährigen bringt. Dies ist kein Rachefeldzug, auch kein finanzielles Interesse. Hier geht es darum, jemanden der bald MP
sein wird und auch als Kanzlerkandidat 2017 gehandelt wird, nicht an die Macht zu bringen. Dieser Mensch ist komplett skrupellos und ich wage sogar zu behaupten psychopathisch. Beweise für die Geschichte liegen vor. Ein täglicher e-mail- Kontakt über mehr als 6 Monate mit einer 15 jährigen, genug Beweise für persönlichen Kontakt. Er war so schlau, erst persönlich zu kontaktieren, als der 16. Geburtstag um war usw. und sofort….
LG “…………………………………………..

Bevor ich die ganzen Dokumente rüber schicke, überlege dir, ob du was daraus machen möchtest oder eben nicht.”Nun, ich machte damals “daraus” nichts, obwohl ich mir der Brisanz des Falles bewusst war, bat die junge Dame um Verständnis, versprach ihr – wenn erwünscht – mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ein Jahr später allerdings- entwickelte sich diese „Story“ zu einem medialen Skandal, der von den Medien als “Lolitta- Skandal” getauft wurde, und schließlich zum Rücktritt des Schleswig-Holsteinischen CDU-Vorsitzenden Christian von Bötticher führte. Die junge Dame schrieb mir in jenen Tagen über Facebook:”Hier stehen sie Schlange. Da wimmelt meine Mutter ab. Sat 1 hat das Haus gefilmt. Die Polizei kam ein wenig zu spät. Etc. etc. Schrecklich. So habe ich mir das in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Auch Kerner und andere haben angefragt. Als ob ich mich da hinsetze. Wozu. Es ist alles so dämlich. Und nix stimmt was geschrieben wird. Na ja.” Ein paar Tage später, nachdem die Bildzeitung Äußerungen auf ihrer Facebook-Pinnwand veröffentlichte, löschte sie ihr dortiges Konto.

Trotz aller Fortschritte in der Kommunikation und im Nachrichtenwesen ist unser Wissen von den anderen, entgegen der allgemeinen herrschenden
Meinung, sehr oberflächlich, in vielen Fällen sogar nicht existent. Marshall Mc Luthan, ein enthusiastischer Verkünder der medialen Revolution, meinte, das Fernsehen mache die Welt zu einem Globalen Dorf. Ähnlich optimistisch äußerten sich ja auch die Pioniere des Internets. Ist diese  Metapher aber nicht falsch?

Dem Wesen des Dorfes liegt die emotionale und verwandtschaftliche  Nähe zugrunde, auch die Enge, die Überschaubarkeit. Leben wir heute nicht eher in einem globalen Metropole, auf einem globalen Bahnhof, durch den die “einsame Massen” von David Riesman strömen?

Vor einigen Tagen, als ich mich auf meinem Facebook-Profil einloggen wollte, wurde mir der Zugang verweigert. “Du wurdest auf Grund der Überschreitung einer Facebook-Richtlinie 7 Tage lang gesperrt.”, bekam ich zu lesen. Um welche Richtlinien es sich dabei handeln soll wurde mir allerdings nicht mitgeteilt. Mein Facebook-Profil liegt jetzt da,ungeschützt, wie ein kleines Lämmchen, auf einer von hungrigen Wölfen wimmelnden Wiese. Das alles ist sicher zu verkraften.

Gleichwohl reflektiert Facebook einen Teil der Alltagswelt des modernen Lebens unseres Zeitalters. Aufgrund der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten, von denen unsere unmittelbaren Vorfahren nicht zu träumen wagten, hat das Phänomen Facebook auch gravierende Auswirkungen auf unser Leben und unsere Gesellschaft, deren Ausmaß wir noch nicht ermessen können. Während meiner Zwangspause fällt mir auf, wie sehr in der letzten Zeit meine virtuelle Kommunikation auf  Facebook zentriert war, ja wie sehr konventionelle E-Mail-Adressen an Bedeutung verloren haben. In diesen Tagen bekomme ich einige SMS, in denen mir die Frage gestellt wird, weshalb ich nicht auf Facebook-Mails reagiere, ob es mir gut geht, etc..-

Ich fühle mich etwas entschleunigt, was auch angenehm sein kann, den Blick auf das Wesentliche konzentriert, vor überflüssigen Ablenkungen schützt. Doch gleichzeitig nagt an mir das Gefühl, mich in in einer gewissen Abhängigkeit gegenüber Facebook zu befinden, die mir zuvor- so nicht- ersichtlich war. Fast fühle ich mich wie ein Jugendlicher, dessen Eltern ihm Stubenarrest verpasst haben, ihm somit den Besuch einer Party vermasseln. Aber, ich möchte nicht übertreiben. In einigen Tagen, so Zuckerberg will, werde ich mich ja wieder dem Massenphänomen widmen dürfen, um dann wahrscheinlich schnell festzustellen, dass ich eigentlich nichts versäumt habe. Allerdings, ganz in der Tiefe meines Bewusstseins, wird sich dann der Gedanke einschleichen, dass ich irgendwann wieder einmal willkürlich gesperrt werden kann, ohne Vorwarnung.
Sollte ich deshalb mein Facebook-Profil löschen? Nein, so weit bin ich noch nicht. ich werde allerdings einige Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, was Daten, Beiträge und Bilder angeht. Schließlich macht Facebook auf Facebook die Gesetze, wobei mir aber das biblische Zitat einfällt.”Quis custodiat custodes legum” – Wer wird die Hüter der Gesetze hüten?