Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

15. Oktober 2012

Mein Jahr mit Eva Herman

@Ramon Schack

Gelegentlich erfahre ich aus der Presse, wie es ehemaligen Bekannten und Kollegen, beziehungsweise Menschen- denen man einmal beruflich oder privat begegnet ist, heute so geht.

Dieser Tage las ich, dass Eva Herman, die ehemalige “Miss Tagesschau”, Privatinsolvenz angemeldet hat.http://www.welt.de/vermischtes/article109826083/Eva-Herman-meldet-Privatinsolvenz-an.html

 

Vor etwa drei jahren habe ich mit Frau Herman zum letzten Mal telefoniert.

Mein “Jahr mit Eva Herman” liegt allerdings schon länger zurück, viel länger.

Es war wohl im September 1995, als ich Eva Herman zum ersten Mal begegnet bin. “Hallo, ich bin der neue Student!”, sagte ich schüchtern.”Hallo neuer Student!” antwortete Miss Tagesschau Eva Herman, mich dabei interessiert musternd, während ich vor ihrem Schreibtisch stand. Ich kannte sie natürlich vom Bildschirm, die Tagesschausprecherin, einer der blonden Damen , neben Dagmar Berghoff, Ellen Arnhold und Susan Stahnke, die allabendlich einem Millionenpublikum, Punkt 20 :00 Uhr ,die Nachrichten aus aller Welt präsentierten, in der Sendung “Die Tagesschau”, damals noch das mediale Flaggschiff des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens.  

Durch Beziehungen hatte ich einen dieser begehrten Studentenjobs beim NDR ergattert. In der Redaktion Aktuelles und Zeitgeschehen, der Fernsehsendung DAS.Die Sendung lief damals, wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, von 18:30-1915. Ein rotes Sofa war mitten im Studio aufgebaut, von wo aus die jeweiligen Moderatoren, plus des jeweiligen “prominenten ” Gast des Abends, die Sendung gestalteten. Ich war als Redaktionsassistent eingestellt, der Job gefiel mir, war bisweilen stressig, aber niemals langweilig.Man nahm mich dort sehr offen auf,die jeweiligen Chefredakteure, CVD´s und freien, festfreien und festangestellten Mitarbeiter.Gelegentlich  betreute ich auch die prominenten Gäste, wenn die charmante studentische Kollegin Vera Altrock verhindert war, nahm diese in Empfang und begleitete sie in die Maske und  betreute diese bis Sendebeginn. DAS war eine Live-Sendung.Die Ulknudel Hella von Sinnen feilschte nach der Sendung, völlig humorlos, um eine höhere Gage.Gerhard Schröder, damals noch Ministerpräsident von Niedersachsen klopfte mir permanent auf die Schulter und sagte zu mir”Junger Mann, sie sind wohl noch nicht lange beim Fernsehen!”, nachdem ich vermerkt hatte, ihn 20 Minuten  später aus der Maske abzuholen um ihn ins Studio zu begleiten. ”20 Minuten in der Maske sind viel zu kurz!”  Dieter Bohlen erkundigte sich bei mir ob ich singen oder tanzen könne, er wollte damals gerade eine neue Boyband produzieren. Später grüßte er dann immer ganz freundlich, wenn man sich bei Ausflügen im Nachtleben traf.   

 Ich lernte damals viel über die Mechanismen und Wirkungsweisen des Fernsehjournalismus, über den Umgang mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, etc.und das Prominente auch nur mit Wasser kochen, bzw, auf der Toilette die Beine breit machen.Ich genoß die Diskussionen mit den zahlreichen Moderatoren, Redakteuren und Korrespondenten,mit dem Edel-Alt 68iger Lutz Mahlerwein, dem ARD-Auslandskorrespondenten in Peking, der gerade aus China zurückgekehrt war, dank des ARD-Rotationsprinzips und der sich nur schwer damit abfinden konnte, statt wie bisher über die KPC, den Aufstieg Pekings und den MAO-Kult, nun über die Eröffnung von Einkaufszentren in Hamburg-Harburg zu berichten.Lutz Mahlerwein kehrte dann später nach China zurück und war lange Zeit der Deutschland-Kommentator des Chinesischen Staatsfernsehens.

Aber zurück zu Eva Herman. Diese Dame fungierte schon damals als Paradiesvogel unter ihren Kollegen und Kolleginnen  und brachte ein Hauch von Glamour in die grauen Redaktionsräume. In Hamburg war sie ein Objekt der Lokalpaparrazis, ihre Skandale, ihre häufig wechselnden Liebhaber und Ehemänner sorgten für Gesprächsstoff und Artikel in der Boulevardpresse.Diverse Redakteure der Bild-Zeitung riefen regelmäßig an und ließen sich mit Eva Herman verbinden.Ihr aufwendiger Kleidungsstil, die teuersten Modelle der Edeldesigner, taten ein Übriges. Viele der weiblichen Redakteure, s aus dem akademischen Milieu der 68iger, Anhängerin des Eurokommunismus, von denen es im NDR nur so wimmelte,, zerissen sich regelmäßig das Maul, sobald Eva Hermann ihnen den Rücken gekehrt hatte.”Sieht aus wie ´ne Tussi!”,waren dabei noch die harmloseren Kommentare.Eva Herman war souverän, ich fand sie cool, auf betörende Art und Weise raffiniert. Wie sie sich in den Urlaub nach Südafrika verabschiedet hatte und wenig später die Meldung eintraf, sie habe sich dort mit dem jungen Redakteur Tom Ockers  http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Ockers  vermählt, dem Vater ihres Sohnes.

Eines Abends, es dürfte wohl der 2.Oktober 1995 gewesen sein, war Gregor Gysi zu Gast auf dem roten Sofa vorgesehen.Gysi befand sich an diesem Tag in Athen und sollte rechtzeitig zur Live-Sendung im Studio Hamburg eintreffen. 1 Stunde vor Sendebeginn, wurde die Redaktion von Panik erfasst. Vom Flughafen Fuhlsbüttel kam die Nachricht ,Gysi wäre dort nicht anzutreffen. Verzweifelt machten man sich auf die Suche nach einem Ersatzgast. Schließlich kam man auf Lea Rosh, heute als Initiatorin des Holokaust-Mahnmals in Berlin bekannt, damals Redakteurin beim NDR .  ”Mach bloß die Tür zu!”, so hieß es damals, wenn Lea Rosh an unserem Büro vorbeilief. Mir wurde die Aufgabe zugetragen Lea Rosh ins Studio zu begleiten. Dort angekommen, ich befand mich gerade mit Frau Rosh hinter der Studio-Kulisse, wurde Eva Hermann über ihren Ersatzgast informiert.”Oh nein, muß das denn sein!”, sagte Herman laut und entrüstet . Lea Rosh entglitten die Gesichtszüge. In diesem Moment sprang die Tür zum Studio auf. Gregor Gysi kam herein, dränge die noch immer geschockte Lea Rosh beiseite und drückte mir seinen Mantel in die Hand. ”Herr Gysi, Sie schickt der Himmel!”, seufzte Herman. Lea Rosh zog verbittert davon, ich verfolgte die erste Hälfte der Sendung Live im Studio und begab mich später zurück an meinem Arbeitsplatz ,im 3. Stock ,um die per Telefon und Fax , E-Mails waren damals noch ein nahezu unbekanntes Kommunikationsinstrument,eintreffenden Zuschauerredaktionen abzufangen, abzuwehren und auszuwerten.

Kurz vor Sendeschluß, traf ein Fax ein. Ein verbitterte Zuschauer empörte sich über Gregor Gysi als Gast in der Sendung, ausgerechnet am Vorabend des Jahrestages . Er titulierte Gysi als Chef der  ”Mauermörder-Partei PDS und schrieb, wenn ich mich recht erinnere:”So etwas könne auch nur einer dämlichen Blondine wie Eva Herman einfallen!”, wobei er das Wort Blondine mit ie geschrieben hatte. Wie üblich traf Eva Herman nach Sendeschluß in der Redaktion ein. Sie fragte mich nach den heutigen Quote, bzw. den  Zuschauerredaktionen, ich zeigte ihr das betreffende Fax.Eva Herman begann zu grinsen, schnappte sich einen Stuhl, zückte ihren knallroten Lippenstift und schrieb irgendetwas auf das Fax.”Los Knipsos!”, so nannte sie mich damals aus bestimmten Gründen, “Los Knipsos, schicke dieses Fax bitte wieder an den Absender zurück!” Sie überreichte mir das Fax, wünschte lächelnd einen schönen Abend und verschwand. Ich schaute auf das Fax. Eva Herman hatte die zahlreichen Rechtschreibfehler mit ihrem Lippenstift markiert und am Ende folgenden Satz hinzugefügt:12 Fehler in 8 Zeilen. Von einer Blondine korrigiert. Mit freundlichen Grüßen. Eva Herman!”

 

Und heute? Traurige und konfuse Geschichte,wahrlich keine Sternstunde, unser angeblich so pluralistischen Gesellschaft.

 

 

4. Oktober 2012

Konflikt Türkei-Syrien:Grenzkrieg zwischen Ankara und Damaskus

@Ramon Schack

Der türkische Premierminister Erdogan ist mit Sicherheit kein Fanatiker.Sein überwältigender Wahlsieg im Juli 2007 stellte ja nur den vorläufigen Höhepunkt einer langen Entwicklung dar.

Während im Iran die Moscheen leer stehen, ja sogar eine Entfremdung von religiösen Dogmen stattfindet, gerade unter der urbanen Jugend, sprießen im NATO-Land Türkei die Moscheen wie Pilze aus dem Boden.

Wahrscheinlich wäre es sogar heilsam, wenn in der kraftstrotzenden Türkei der Versuch in Gang käme, ein von der Bevölkerung getragenes koranisches System zu installieren, nachdem man in der übrigen “Islamischen Welt”, vergeblich Ausschau hält.

Irgendwie muß das Verhältnis Europas  gegenüber seinen islamischen Nachbarn ja auf eine neue, realistischere Grundlage gestellt werden.  Die Respektierung des demokratischen Willens der dortigen Mehrheit, auch wenn diese temporär eine religiöse Staatsform präferiert, sollte auf Dauer Vorrang gewinnen über die Kungelei und Kumpanei mit öberflächlich befreundeten Diktatoren und fundamentalistischen Feudalherrschern, deren Anbiederei an den Westen nur der eigenen Selbsterhaltung dient und die früher oder später einstürzen werden.

Es konnte ja gar nicht ausbleiben, dass ein Politiker vom Schlage Erdogans, in eine offene Konfrontation mit der allmächtigen Generalität der türkischen Armee und ihrer auf kemalistischen  Laizismus eingeschworenen Staatsdoktrin gerät.

Das hohe Offizierskorps, das bisher im Nationalen Sicherheitsrat die Entscheidungen fällte, betrachtet sich als Bastion des nationalrepublikanischen Erbes, des höchsten Vermächtnisses, das Atatürk hinterließ.

Sukzessive hatte es Erdogan unternommen, diese militärische Macht zu mindern und mit parlamentarischen Mitteln zu unterlaufen.

Die europäischen Freunde des Türkeibeitritts zur EU, welche darauf hinarbeiten, den Einfluss der Armee abzubauen, weil diese den demokratischen Vorstellungen des Westens widerspricht, unterstützen Erdogan dabei fleißig.

Mit der Entmachtung der Generäle wird jedoch  die letzte Hürde beseitigt, die sich einer allmächtigen Umwandlung dieses laizistischen Staates in eine Islamische Republik entgegenstellt.

In dem seit vergangenem Jahr tobenden Bürgerkrieg in Syrien, der  von Anfang an von einer internationalen Dimension geprägt war, stellte sich Ankara gegen das Regime von Assad.

“Die Türkei will die Iran-Syrien-Allianz schwächen”, sagte mir der US-Nahostexperte Robert Baer im vergangenem Jahr.http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-08/syrien-assad-militaer-baer

Zur Stunde ist noch nicht bewiesen, wer für den Granateinschlag in einer türkischen Grenzstadt verantwortlich ist. Die Frage sei doch aber erlaubt, warum sollte das in Bedrängnis geratene Assad-Regime sich ausgerechnet mit der Militärmaschine der Türkei anlegen?

Wie immer, ist die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges.

Das Parlament in Ankara hat die türkischen Militärschläge südlich der Grenze gebilligt:Aktuell kann man nur darüber spekulieren, ob es bei einem Grenzkrieg bleibt, bei einer regional begrenzten Strafexpedition, oder gar um ein Eingreifen der Türkei, in die von blutigen Umwälzungsprozessen geprägte Region des arabischen Nahen Ostens.