Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

28. Juni 2012

“China ist wie eine Bombe”.Mein Interview mit Liao Yiwu, dem Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Liao Yiwu wurde 1958 in Sichuan geboren. 1989  schrieb er das Gedicht “Massaker” über die Geschehnisse auf dem Tian’anmen-Platz. Wegen “Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda” wurde er daraufhin 1990 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In Deutschland wurde er mit dem Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser (S. Fischer Verlag, 2009) bekannt, in dem er in Interviews die Lage der unteren Gesellschaftsschichten Chinas schildert. Liao darf seine Werke in China offiziell nicht veröffentlichen, sie kursieren auf dem Schwarzmarkt. Nach Deutschland konnte er nur ausreisen, weil er den chinesischen Behörden versprochen hatte, sein neues Buch Für ein Lied und hundert Lieder nicht im Ausland zu veröffentlichen. Liao ließ sich darauf allerdings nur zum Schein ein.
Liao Yiwu wurde kürzlich mit dem Friedenpreis des Deutschen Buchhandel ausgezeichnet. Ich sprach mit Herrn Yiwu.

.                                                “China ist wie eine Bombe”…

 

@Ramon Schack

 

Herr Yiwu, gerade haben Sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, herzlichen Glückwunsch.

LY: Ich danke Ihnen.

Um Ihre Bücher “Für ein Lied und hundert Lieder” und “God is red” zu veröffentlichen, sind Sie im vergangenem Jahr aus Ihrer Heimat der Volksrepublik China geflüchtet.
Kurze Zeit später wurde dort Ihr Freund , der Untergrunddichter Li Bifeng verhaftet. Der Prozess fand kürzlich statt. Wie kam es dazu, und was hat dieser Prozess mit Ihrer Flucht zu tun?

LY:
Li Bifeng ist ein Gefängnisgefährte von mir. Er ist ein Intellektueller wie er im Buche steht, der unzählige Romane und Gedichte geschrieben hat. Sein Leben gleicht einer Achterbahnfahrt.1989, nach dem Tiananmen.Massaker überquerte er illegal die Grenze nach Myanmar. Die dortige Grenzpolizei erwischte ihn und übergab ihn den chinesischen Behörden. Dabei wurde er fast erschlagen. Noch heute ist sein Gesicht von den Spuren dieser Misshandlung gekennzeichnet. In meinen Büchern habe ich seine Erlebnisse mit verarbeitet.

Weshalb wird Li Bifeng jetzt der Prozess gemacht?

LY:Nach einer illegalen Inhaftierung, über mehr als sieben Monate hinweg, soll Li Bifeng jetzt aufgrund wirtschaftlicher Straftaten verurteilt werden.

Angeblich soll er auch Ihre Flucht aus China finanziert haben.

LY:Ja, das ist eine glatte Lüge. Niemand in China wußte von meinen Fluchtplänen, nicht einmal meine eigene Familie. Ich fühle mich dadurch persönlich für das Schicksal Li Bifengs verantwortlich, was von den zuständigen Behörden auch beabsichtigt ist. Im Falle des blinden Bürgerrechtlers Chen Guangchen wird ja ähnliches praktiziert, indem man Freunde und Angehörige unter Druck setzt.

Welche Strafe droht Li Bifeng?

LY:
Sollte er noch einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, dann wäre es das dritte Mal in seinem Leben.
Zum ersten Mal wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, aufgrund konterrevolutionärer Propaganda.
Zum zweiten Mal-1998. Li Bifeng hatte damals-im Auftrage des zuständigen Direktors-eine Untersuchung über den Streik der Textilarbeiter in Miangyang durchgeführt. Dieser bericht führte zu weiteren Untersuchungen durch die UNO, was den Behörden natürlich nicht passte. Man versuchte Li Bifeng zum Schweigen zu bringen- indem man ihn wegen angeblichen “Wirtschaftsbetruges” zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt hatte.
Jetzt soll er aufgrund ähnlich absurder Vorwürfe- ebenfalls wegen Wirtschaftsbetruges  ins Gefängnis kommen. Sollte man ihn zu 10 Jahren Gefängnis verurteilen, wäre er nach der Entlassung ein gebrochener, alter Mann. Das Leben eines hoch talentierten Dichters und Schriftstellers- der nie die Chance hatte seine Werke zu veröffentlichen- wäre somit zerstört.

Welche Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung, um auf das Schicksal von Li Bifeng aufmerksam zu machen?

LY:Wir haben eine virtuelle Unterschriftenaktion errichtet, die in China selbst allerdings gesperrt ist.Ich hoffe, dass meine Kollegen , Menschenrechtsorganisationen, sowie meine Leser im Osten wie im Westen bereit sind, diesen Appell zu unterzeichnen.

Sie leben jetzt als Exil-Schriftsteller in Deutschland. Hat sich Ihr Blick auf China dadurch geändert?

L.Y:
Ich sehe viele Dinge noch etwas klarer- als zuvor.. Aus der Perspektive der Machthaber in Peking besteht die Bevölkerung Chinas nur aus lauter Ameisen, die man ungestraft zertreten kann. Allerdings, die Ereignisse in der Arabischen Welt haben gezeigt, auch die Ameisen können sich eines Tages erheben, was der Kommunistischen Partei durchaus bewusst ist.

Hinkt der Vergleich nicht etwas? Immerhin hat sich China in den letzten Jahrzehnten von einem Land der Dritten Welt zu einer Supermacht entwickelt, flankiert von einem gewaltigen Wirtschaftswachstum, welches den Lebensstandart vieler Bewohner ansteigen läßt. Davon konnte in den betreffenden arabischen Staaten ja nicht die Rede gewesen sein.
L.Y:
Ja, China hat sich dramatisch entwickelt. In meiner Kindheit habe ich noch die katastrophalen Auswirkungen des “Großen Sprunges nach Vorne” erlebt, als Millionen meiner Landsleute einem grausamen Hungertod ausgesetzt waren. Gemessen daran, geht es den Chinesen heute viel besser.
Doch lassen Sie sich nicht täuschen. China ist wie eine Bombe, die jederzeit explodieren kann. In China herrscht kein “himmlischer Friede”. Unter der Oberfläche brodelt es, die sozialen Spannungen nehmen zu. Ich selbst habe immer wieder Zusammenstöße erlebt, die überhaupt nicht in den Medien erwähnt werden.

Sie selbst gehören ja zu der Generation, die im Sommer 1989 die Ereignisse am Tian´anmen-Platz prägten. Warum war diese Bewegung nicht erfolgreich und hat so wenig Spuren in der Geschichte Chinas hinterlassen?

LY:
Unser Hauptfehler war, dass wir damals von der Utopie ausgingen, das Regime in China lasse sich reformieren. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnten haben aber gezeigt, dass sich in China alles reformieren läßt-der ideologische Überbau, das Wirtschaftssystem, nicht aber der Machtanspruch der Partei.  

Die Kommunistische Partei wirbt seit einiger Zeit mit konfuzianistischen Idealen, weil man dem politischen Modell des Westens, eine eigene ostasiatische Formel  entgegensetzen möchte.Der Ideenstreit, der der westlichen Demokratie enthalten ist, entspricht überhaupt nicht den Vorstellungen von der Harmonie, die Chinas politische Denken seit der Zeit von Konfuzius prägt.  Halten Sie denn eine Übernahme- des westlichen Modells der Demokratie- in China für wünschenswert und für realistisch?

LY:
Es gibt in China eine Redewendung:” Wenn alles zersplittert ist, irgendwann kommt es wieder zusammen. Und jede Einheit zersplittert irgendwann wieder. “Persönlich wäre es mir am liebsten, wenn überhaupt niemand regiert.Dadurch kämen wenigstens keine schlechten Menschen an die Macht.

Vielen Dank Liao Yiwu

20. Juni 2012

Ägypten:Mubarak im Koma

                                                            @Ramon Schack

Ägyptens gestürzter Staatspräsident Hosni Mubarak liegt im Koma.
Unter seiner 30 Jährigen Dauerherrschaft ist diese Kulturnation- die fast so alt ist wie die Menschheit selbst- in kultureller, politischer und ökonomischer Stagnation versunken.
Ägyptens Rolle, als heimlicher Führer der arabischen Welt, als dessen demographisches Machtzentrum, wurde inzwischen von Saudi-Arabien abgelöst, mehr noch von den Golf-Emiraten; deren babylonische Luxustürme – unter Führung von Dubai- inzwischen mit der einst atemberaubenden Skyline von Manhattan wetteifern.


Unter Mubarak verzichtete der Westen ganz bewusst darauf, Ägypten zu freien Wahlen zu mahnen, oder irgendeinen Stimmzettelfetischismus zu propagieren, wie bei anderen Staaten der Region. So kam es auch, dass sich niemand daran erregte, wenn Mubarak regelmäßig mit 90% wiedergewählt wurde. Mubarak stand in totaler Opposition zu den brodelnden Volksmassen im Nildelta.
In seinem jetzigen Todeskampf, wird sich Mubarak vielleicht daran erinnert haben, unter welchen blutigen Umständen er am 6.Oktober 1981 an die Macht kam. Als damaliger Vizepräsident hatte er auf einer Militärparade neben dem charismatischen Präsidenten Anwar as Sadat Platz genommen. Sadat, von dem Helmut Schmidt einst sagte, er habe ihn geliebt, galt in der arabischen Welt, noch mehr aber in islamistischen Kreisen, als Verräter.
Sadat hatte 2 Jahre zuvor einen Friedensvertrag mit Israel ausgehandelt und dem gerade gestürzten Shah von Persien Asyl gewährt.
An diesem Tag, auf dieser Parade, sollte er dafür mit dem Leben bezahlen.
Die Attentäter brachten vor laufenden Fernsehkameras einen gepanzerten Militärlastwagen vor der Tribüne zum stehen, stürmten auf diese zu und griffen sie mit Handgranaten und Feuer aus den Maschinengewehren an. Zwar verfehlten die Granaten die Tribüne, aber die Kugeln töteten Anwar al-Sadat, dessen Leibwächter überwiegend davon stoben, und weitere Menschen auf der Tribüne. Der Anführer der Attentäter rief hörbar in der Aufzeichnung des amerikanischen Fernsehens: “Ich habe den Pharao getötet!”
Mubarak, der den Anschlag nur knapp überlebte, stolperte über tote und sterbende Menschen und wurde kurz danach zum Präsidenten ernannt.
Das Volk hat er immer gefürchtet, der explosiven Sprengkraft, Ägyptens sozialer Probleme, war er sich immer bewusst.
Diese ansatzweise zu lösen, dafür fehlte ihm der Mut. Gleichwohl war er ein Garant für eine gewisse Stabilität, besonders im außenpolitischen Bereich.
Seine Herrschaft begann mit Blut und Tränen.Sie endete in einer Revolution, deren weiterer Verlauf noch ungewiss ist.
http://www.youtube.com/watch?v=nwQL3N57TQE&feature=related