Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

29. Mai 2012

Mythos Romy Schneider

@Ramon Schack

9.Mai 1982.
Ein Wagen fährt mit mittlerer Geschwindigkeit eine Landstrasse in Schleswig-Holstein entlang.
Es ist ein sonniger Tag. In dem Wagen sitzen vier Personen, darunter ein 10 jähriges Kind. Das Kind bin ich.
Helmut Schmidt ist noch Bundeskanzler, Deutschland noch geteilt, Internet und Handys sind unbekannt.
Der Kalte Krieg tobt.
Zur vollen Stunde schaltet mein Vater das Autoradio ein.
Die ernste Stimme des Nachrichtensprechers erklingt:”
Die Schauspielerin Romy Schneider wurde heute in ihrer Wohnung in Paris tot aufgefunden!”

Romy Schneider 1938-1982

“Jede Epoche , jede Gesellschaft braucht einen Mythos.Die Existenz von Mythen verdoppelt die Fläche, auf der sich unsere Vorstellung bewegt.Der Mythos ist gewissermaßen ein Vorbild ein Ideal, das unsere Gedanken und Handlungen die Richtung vorgibt.Eine Gesellschaft ohne Mythen verliert die Orientierung, den Sinn ihrer Existenz.”Ryszard Kapuscinski

Es gibt in der heutigen Epoche, dem Zeitalter der Massenmedien, des virtuellen Wahnsinns, verschiedene Bedingungen die jemand erfüllen muß um zum Mythos zu werden.

-Der Tod muß plötzlich eintreten, unerwartet, auf dem Höhepunkt des Erfolges, der Prominenz. Zu einem Zeitpunkt wo von der Person noch viel zu erwarten wäre.

 -Man muß jung aus dem Leben gerissen werden. Der Tod liebt schöne junge Menschen. James Dean war 24,Ernesto Che   Guevara 39, Marilyn Monroe 36, Diana Spencer 36

-Man muß Charme, Ausstrahlung und Charisma besitzen.

-Man muß eine Celebrity sein, wie es die Amerikaner ausdrücken, der großen Welt angehören. Mit einem andauernden Platz in den Medien, unablässige Aufmerksamkeit,globales Interesse. Die Celebrities werden medial in zig Millionen Haushalte projeziert, deren Sorge, Niederlagen, Erfolge und Banalitäten. Der Tod dieser Menschen , wird von der Masse als persönlicher Verlust empfunden, als sei ein Familienmitglied dahingeschieden, ein Mensch, von dem man glaubt, diesen gut gekannt zu haben.

-Man muß vom mächtigen Establishment abgelehnt ,vefolgt und verurteilt werden, zumindest symbolisch.Außerhalb der vorherrschenden Hierarchien leben, deren Regeln ignorieren, wie ein ruheloser Ritter. Sich auflehnen, vergeblich nach einem Platz suchen, kämpfen und die medialen Mechanismen verstehen, akzeptieren und instrumentalisieren.

Romy Schneider erfüllte all diese Bedingungen, litt unter ihnen, machte sich diese zu nutzen und fiel ihnen schließlich zum  Opfer.Diese ,viel zu früh, aus dem Leben gerissene Frau hat sich somit ihren Platz im Olymp der menschlichen Mythen gesichert.  Möglicherweise war es das beste was ihr passieren konnte. Sie starb auf ihrem Höhepunkt und wäre heute sicherlich nicht glücklicher als damals.

Der Fotograf Robert Lebeck kannte Romy Schneider sehr gut. “Wenn ich meine Fotos von Romy anschaue, dann bin ich schon etwas traurig. Es wäre schön, wenn ich Sie heute noch besuchen könnte, wenn ihr Leben eine andere Wendung genommen hätte. Erstaunlich, das Ihr Tod schon so lange zurückliegt. ” sagte mir Lebeck in einem Interview im vergangenem Jahr.http://www.vorwaerts.de/artikel_archiv/28886/ae-mein-leben-war-gluecklich-ae.html

Heute vor 30 Jahren verstarb Romy Schneider.

Der Fall Romy Schneider, eine sehenswerte Dokumentation:http://www.youtube.com/watch?v=DHay5wwaJ3Q

25. Mai 2012

Ägypten hat gewählt/ Tariq Ramadan”Die Muslimbrüderschaft hat sich sehr verändert”

Ramon Schack

Einen Tag nach den Wahlen in Ägypten verkündet die Muslimbrüderschaft den Sieg ihres Kandidaten .

Zwar sind erst die Hälfte der Wahllokale ausgezählt, doch soll Muhammes Mursi etwa ein Drittel der Stimmen erhalten haben.

Die Wahlen fanden unter großer Anteilnahme der brodelnden Volksmassen im Nildelta statt, dort wo die überwiegende Mehrheit der  inzwischen wohl schon Neunzig Millionen Einwohner Ägyptens lebt.

Die dramatischen politischen Umwäzungsprozesse, direkt vor unserer geopraphischen Haustür, stellen wieder einmal die heutige westliche Demokratie-Theorie in Frage. Nicht umsonst hatte man in Washington zwar immer freie Wahlen gefordert, im Irak wollte George W. Bush einen Leuchtturm der Demokratie errrichten, tatsächlich entstand der schiitische Gürtel, vom Iran bis zum Südlibanon, verzichtete aber bei seinen engen Verbündeten -wie damals Mubarak in Kairo-auf einen Urnengang, den man auch nur Ansatzweise als demokratisch hätte titulieren können. Die morschen Regime, die im dort im vergangenem Jahr zum Einsturz kamen, standen schon lange in totaler Opposition zu ihren Bevölkerungen.

Der Prozess setzte schonJahrzehnte früher ein. Als historische Wende ist sicherlich der Sechstagekrieg von 1967 zu bewerten, als Israel  in einem phänomenalen Blitzkrieg die Armeen Ägyptens und seiner Verbündeten vernichtete. Die Israelis, die-von den orthodoxen Juden einmal abgesehen-einer säkularen Staatsform anhängen, spürten in jener schicksalshaften Stunde den Schutz ihres Gottes Jahwe.Der Weg war frei, für die fortschreitende Besetzung arabischen Landes in Judäa und Samaria.Damals schien sich die abrahamische Verheißung an die Kinder Israels zu erfüllen. Es begann die Transformation der bis dahin säkular-sozialistischen Gesellschaft Israels.

Innerhalb der arabischen Gesellschaft waren die Auswirkungen damals noch viel gravierender. Bis 1967 hatte man in der islamischen Welt geglaubt, die eigene Rückständigkeit durch den Import westlicher Politikmodelle ausgleichen zu können.

Selbst in Ägypten, dem größten und kulturell einflussreichsten Land der arabischen Welt, blieb der damalige Präsident Gammar Abdel Nasser, mit seinen nationalistischen und sozialistischen  Dogmen, zutiefst im westlichen Gedankengut verhaftet, auch wenn er den Suezkanal verstaatlichen ließ und die Konfrontation mit Washington suchte.

Nasser galt in der arabischen Welt als Held. Wenn dieser charismatische Staatschef Reden hielt, im eleganten Hocharabisch, waren die Radiogeräte von Casablanca bis Aden eingeschaltet.

Nasser war zwar frommer Muslim, doch bekämpfte er islamische Extremisten bis aufs Blut, darunter auch die Muslimbrüderschaft. Den dhihadistischen Vordenker Sayid Qutb, der heute wieder einen gewaltigen geistigen Einfluss ausübt  und später Osama bin Laden inspirierte, ließ er in einem Konzentrationslager hinrichten.

Nachdem die Truppen Nassers, auf den Schlachtfeldern des Sinais verblutet waren, starb auch die Idee des Arabischen Nationalismus, die heute nur noch in Syrien unter der angegriffenen Herrschaft Assads- propagiert wird. Die arabischen Massen besannen sich darauf, dass für ware Muslime nur eine weltweite Gemeinschaft gelten darf, nämlich die Umma. Bei dem Konzept der Umma handelt es sich natürlich auch um eine Utopie, aber so sind nun einmal die Vorstellungen, die häufig an der Praxis scheitern.

Seitdem findet das sogenannte “Große Erwachen statt” in der islamischen Welt, flankiert von der Forderung nach der Einheit von “Religion und Staat”, was  ja im totalen Gegensatz zu westlichen Demokratievorstellungen steht, aber durch die westlichen Forderungen nach freien Wahlen erst zur Macht gelangen kann. Mit dem Schlachtruf “El Islam hua el hall”-”der Islam biete die einzige Lösung”, wird seitdem daran gearbeitet, der Religion  den Vorrang über den Staat zu geben.

Welche Folgen diese Entwicklung haben wird, hängt von den jeweiligen regionalen Umständen ab.”Die Muslimbrüderschaft hat sich sehr verändert”, sagte mir der umstrittene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, dessen Großvater – Hassan al Banna-Begründer der ägyptischen Muslimbrüder war, in einem Interview  zu Beginn der sogenannten Arabellion.

FOTO: Tariq Ramadan

Das Interview ist heute vielleicht aktueller als damals:http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Die-Muslimbruederschaft-hat-sich-sehr-veraendert/story/12847606?dossier_id=852

14. Mai 2012

Landtagswahl in NRW/Ein weiteres Menetekel für Merkel

@Ramon Schack
Nach den Landtagswahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland-in NRW-steht Merkels Macht nur noch auf tönernen Füssen, wie die FAZ heute schreibt.
Jetzt rächt sich auch, dass die Kanzlerin die CDU von markanten männlichen Spitzenpolitikern gesäubert hat, bzw. nur noch willige “JA- Sager “in ihrem Umfeld duldet.
Mit einem politischen Leichtgewicht -wie es der Bundesumweltminister Norbert Röttgen darstellt(der einmal ernsthaft als der George Clooney der Nachhaltigkeit bezeichnet wurde), kann man keine Wahlen gewinnen, schon gar nicht in NRW.
Die Kanzlerin sollte sich in stillen Stunden ernsthaft die Frage stellen, wer die CDU eigentlich führen soll, nach ihrer eigenen Amtszeit, bzw. wo für diese Partei eigentlich noch steht.
Der SPD sei der Triumph an Rhein und  Ruhr gegönnt, doch sollte man sich in der ältesten deutschen Volkspartei langsam darüber Gedanken machen, wer denn nun als Kanzlerkandidat in Frage kommt.Erholt haben sich die Sozialdemokraten nur sehr bedingt.

Die fatale personelle Auszehrung, von der alle Parteien betroffen sind, trifft auch die SPD. Mit einem Kanzlerkandidaten Gabriel würde die  SPD wohl keine Bundestagswahl gewinnen.

Die anhaltende Bionadisierung der Republik kommt den Grünen zu Gute. Diese Partei, die ja inzwischen doch sehr bürgerlich wirkt, nicht selten auch spießig, hat ihren festen Platz im Parteiengefüge sicher, wie die Kommode in Omas Wohnzimmer.

“Totgesagte leben länger”, diese alte Volksweisheit trifft auf das Wahlergebnis der FDP zu.

Sicher, die Liberalen haben in der letzten Zeit  ein fürchterliches Bild abgegeben. Anscheinend gibt es aber noch Wähler, die sich von der Programmatik einer Partei angezogen fühlen, die sich der Sozialdemokratisierung- gerade der Volksparteien- entgegenstellt- zumindest in Wahlkampfsprüchen.

Die Piraten haben auch in NRW einen großen Sieg errungen. Neben Berlin, Saarbrücken und Kiel, ist diese Gruppierung jetzt auch in Düsseldorf vertreten. Allerdings sind diese Polit-Newcomer hinter der FDP gelandet. Ob man daraus schließen kann, die Piraten haben schon den Zenit ihrer Macht erreicht ist zur Stunde Spekulation. Je mehr sich die Partei in den mediokratischen Strukturen- unserer Republik “embedden” lässt , um so mehr könnte ihre Strahlkraft einbüßen.

“Es gibt nur LINKE, wem das in unserer Partei nicht passt, der wird gehen müssen. Spreu muß von Weizen getrennt werden, damit wir wieder stark werden. Anbiederei an SPD und GRÜNE darf …sich nie wieder einen Fußbreit breit machen. Eine Partei wie die unsere sollte keine andere “Strömung” haben, als die LINKE. Für Fraktionsbildungen haben wir keinen Platz!”
Mit diesen markigen Worten, die aus dem Vokabular von Walter Ulbricht stammen könnten, kommentierte gestern Ralph T. Niemeyer, der Ex-Lebensgefährte von Sarah Wagenknecht, bis sie ihn für Oskar Lafontaine verließ, die drohende Wahlniederlage seiner Partei, auf seinem Facebook -Profil.
Hierbei mag es sich um eine Einzelmeinung handeln. Doch, wenn ein Mitglied dieser Partei sich äußert wie eine SED-Altlast, dann ist der Rauswurf dieser Partei aus dem Düsseldorfer Landtag nicht ganz unbegründet.

Abschließend noch ein Wort zu Pro-NRW. Diese rechtspopulistische Gruppierung versuchte vor den Wahlen noch auf sich aufmerksam zu machen, durch einige gezielte islamophobe Provokationen, bzw. polizeilich abgesichterte Auseinandersetzungen, gegenüber der radikalislamischen salafistischen Bewegung. Die Schlagzeilen waren garantiert. Die Wähler haben es aber nicht gedankt, dafür war das schmutzige Spiel doch zu durchschaubar.  Die islamophobe Rechte kommt in Deutschland nicht in Schwung, ganz im Gegensatz zu vielen europäischen Nachbarstaaten, wo diese Parteien aber vielleicht auch schon ihren Höhepunkt überschritten haben dürften.

 Das vorläufige Endergebnis der Landtagswahlen:

CDU
26,3 %

SPD
39,1 %

Grüne
11,3 %

FDP
8,6 %

Piraten
7,8 %

Linke
2,5 %

Sonst.

 

4. Mai 2012

Ukraine:Julia Timoschenko-”Gasprinzessin” oder slawische “Evita Peron”?Worum geht es wirklich?

@Ramon Schack

An der Person -der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko- scheiden sich die Geister-zumindest wenn man der aktuellen Berichterstattung in der westlichen Presse glauben schenken möchte.

Als ich im vergangenem Jahr die Ukraine bereiste, schien die dortige Bevölkerung-die größtenteils immer noch zu einem Leben auf niedrigstem sozialem Niveau verdammt ist(Von den Oligarchen einmal abgesehen-zu denen ja auch Frau Timoschenko zählte)- sowohl die sogenannte “Orangene Revolution”, als auch die Amtszeit dieser resoluten Dame, längst zu den Akten gelegt zu haben.

FOTO: Eine Rentnerin in Kiew-2011/RAMON SCHACK

Die Menschen in diesem geschundenem Land-immerhin der größte Flächenstaat Europas- haben ganz andere Sorgen, haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, als in Mitgefühl für Frau Timoschenko zu versinken, die dort wahlweise als Gasprinzessin oder als slawische Evita Peron bezeichnet wurde und wird.

Foto:Ukraine-auf dem Land war und ist die Armut groß-2011/RAMON SCHACK

“Gemessen an den Verhältnissen in anderen ukrainischen Gefängnissen geht es ihr ja noch gut.”, schreibt Christian Esch heute in einem sehr lesenwerten Artikel in der Berliner Zeitung.

Selbstverständlich hat Frau Timoschenko einen fairen Prozess verdient, bzw.  angemessene Haftbedingungen.Natürlich versuchen auch gewisse Kreise in der Ukraine an der schillernden Dame ein Exempel zu statuieren.

Es ist aber sicherlich ein Fehler, dieses von der Geschichte vergewaltige Land kollektiv abzustrafen, oder die bevorstehende EM zu boykottieren.Der Verdacht kommt auf, dass es hier um ganz andere Sachverhalte geht, von Seiten des Westens.

Mit dem Amtsantritt von Wiktor Janukowytsch , der im Februar 2010  Julia Timoschenko, in der Wahl um das Amt des Staatspräsidenten besiegte, wurde der zuvor noch angestrebten NATO-Mitgliedschaft der Ukraine eine klare Absage erteilt.

FOTO:Kiew- die Hauptstadt der Ukraine-und Mutter aller russischen Städte/RAMON SCHACK.

Der permanenten Ostausdehnung der NATO, die schon im Jahr 2008-durch den kurzen Krieg zwischen Georgien und Russland ins Stocken geriet, wurde dadurch ein Riegel vorgeschoben.Bei allem- was man Janukowytsch vorwerfen kann(Um einen Demokraten westlichen Typus handelt es sich nicht), dessen Wähler sich überwiegend aus den russophonen Bewohnern der Ost-Ukraine rekrutieren,die Unabhängigkeit der tief gespaltenen Ukraine wurde von ihm nicht  in Frage gestellt.

Während meiner Reise im vergangenem Jahr, besuchte ich auch die liebliche Halbinsel Krim, bzw. die dort gelegene  legendäre Hafenstadt Sewastopol.

FOTO. Sewastopol am Schwarzen Meer, die ehemals verbotene Stadt-2012/RAMON SCHACK

Zum tieferen Verständnis, der geopolitischen Ausgangslage, auf welcher der aktuelle Konflikt zwischen der EU und der Ukraine basiert, empfehle ich meinen Artikel in der NZZ von damals  :http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/das_zuenglein_an_der_russischen_waage_1.10589844.html :