Ramon Schack

Diplom-Politologe, Journalist und Publizist

17. Januar 2011

Revolution in Tunesien/Frühling in der Arabischen Welt?

@Ramon Schack

Teneo te, Africa“ (ich halte dich fest, Afrika) soll Cäsar gesagt haben, als er erstmals seinen Fuß auf heute libyschen Boden setzte.

Dem gestürzten tunesischen Präsidenten Ben Ali gelang es nicht, sich an Afrika, oder an seinem Heimatland festzuhalten, er flüchtete nach Saudi-Arabien.

Ausgerechnet in Tunesien kam es zu einer Revolution, zu einem totalen Umsturz der politischen Verhältnisse, einem Land das vielen Europäern als Bade-und Urlaubsparadies bekannt zu sein schien(Inklusive Kamelritt am Strand von Djerba), welches im Westen gerne als moderater arabischer Staat tituliert wurde.

Deshalb schaute man auch nicht so genau hin, wie es dort zur Lage der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit, der politischen Pluralität aussah, sondern sparte sich die Kritik lieber für die üblichen Verdächtigen auf.In diesem Zusammenhang sollte es zu denken geben, wie zurückhaltend die politische Klasse des Westens zunächst auf die blutigen Unruhen reagierte, ganz im Gegensatz zu den Unruhen im Iran, vom Sommer 2009.

Noch ist es völlig unklar, welche politischen Kräfte das Machtvakuum füllen werden, welches sich aus dem Zusammenbruch des Ben-Ali-Regimes ergeben . Oberflächliche Kommentatoren schwärmten ja schon von einer sogenannten  Jasmin-Revolution, in enger verbaler Anlehnung an die Ereignisse in Eurasien der vergangenen Jahre, der Orangenen-,Rosen,-und Tulpen-Revolutionen, von Kiev, Tiblis und Bischkek. Diese “Berichterstatter” haben dabei wohl übersehen, wie schnell diese Blütenträume verwelkten, oder sich gar in giftige Knollengewächse verwandelten.Viel eher sollten man endlich der Wahrheit ins Auge sehen, dass fast alle Regime der Region, darunter auch gerade die engen Verbündeten des Westens, in völliger Opposition zu ihren brodelnden Volksmassen stehen, der sogenannten “Arabischen Strasse”,  dabei  nur höchst selten von einem westlichen Politik-und Demokratieverständnis geprägt sind.

Die Tatsache, dass viele dieser Staaten, um den wachsenden Einfluss des Iran einzudämmen, mit Kriegsmaterial gerade zu überschüttet wurden, von Seiten der USA, läßt böse Ahnungen aufkommen. Besonders, wenn  eines Tages, in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft, die überzähligen und demographisch anwachsenden Massen Ägyptens und Saudi-Arabiens ihre Diktaturen zum Einsturz bringen. Gemessen daran, dürften dann die jetzigen Ereignisse in Tunesien als harmloses Intermezzo erscheinen.Bei aller berechtigten Kritik, im Vergleich zu einigen anderen Staaten der Region, waren die Verhältnisse in Tunesien ja bisher noch einigermaßen erträglich. Da gibt es noch weit schlimmere und repressivere Regime, die es verdient hätten, auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen.

Während ich diese Zeilen schreibe, überstürzen sich die Ereignisse. Nicht nur in Algerien, auch in Jordanien kam es zu Demonstrationen, also im arabischen Maschrek.Ob es wirklich zu einem “Arabischen Frühling” kommt, also zu einer Verbesserung der dortigen Lebensbedingungen, zu einer Herrschaftsform, welche den Wünschen der Bevölkerung mehr entgegenkommt-auch wenn diese nicht den Vorstellungen des Westen entsprechen dürften-wird sich zeigen. Es wäre den Menschen dort sehr zu wünschen.

Eines erscheint zur Stunde auf jeden Fall sicher. Nicht nur die Herrscherhäuser von Marokko bis Saudi-Arabien drohen   einzustürzen, auch die westliche Nahost-und Nordafrika-Politik steht da- wie ein Kartenhaus im  heißen Wüstenwind.